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Stellungnahme

 
Göttingen, 15.02.2014

Versicherte haben gegenüber ihrer Krankenkasse einen Anspruch auf angemessene Psychotherapie - die Richtlinien stehen dem im Weg

Stellungnahme der Initiative Phoenix zu den Vorschlägen der Gesetzlichen Krankenkassen für eine Reform der ambulanten Psychotherapie
(GKV-Spitzenverband-Positionspapier vom 27.11.2013)

Spätestens seit ihrer Veröffentlichung im November 2013 werden die Reformvorschläge der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) zum Angebot an ambulanter Psychotherapie breit diskutiert. Dass dringender Veränderungsbedarf besteht, ist für alle, die mit dem Thema Berührung haben, keine Überraschung. Der Behandlungsrahmen, den die momentan geltenden Psychotherapierichtlinien vorgeben, führt vor allem in der Versorgung von Menschen, die aufgrund der Folgen schwerer Traumatisierungen Psychotherapie benötigen, zu noch größerer Not und einer Chronifizierung der Beschwerden. Als Betroffenen-Initiative, die bundesweit vernetzt ist mit Angehörigen, BeraterInnen, TherapeutInnen und ÄrztInnen, halten wir eine Ergänzung der Richtlinien für nötig, auf die bisher in keiner Stellungnahme zu diesem Positionspapier eingegangen wurde.

Die vorgestellten Änderungsvorschläge im Positionspapier scheinen sinnvoll und erstrebenswert hinsichtlich der Versorgung von Menschen, die wegen eingrenzbarer Beschwerden  vorübergehend therapeutische Unterstützung benötigen. Menschen mit komplexeren psychischen Belastungen dagegen werden bisher nicht berücksichtigt - weder in der  bestehenden noch in der geplanten Richtlinien-Psychotherapie. Menschen mit komplexen Traumafolge-Erkrankungen nach früh(kindlich)er und wiederholter Traumatisierung können bereits jetzt durch die 2-Jahres-Therapiepause und die in dieser Zeit drohenden Rückfälle nicht angemessen therapeutisch begleitet werden, wenn sie gesetzlich versichert sind. Eine Reform muss deshalb eine gleichzeitige Erweiterung der Richtlinie um einen Therapie-Rahmen für Menschen mit komplexen Traumafolgestörungen bzw. Menschen, die an den Folgen komplexer Traumatisierungen leiden, zum Ziel haben.

Nach den Vorschlägen der GKV soll die Kurzzeittherapie insgesamt gestärkt und in der Stundenzahl reduziert werden. Aus dem Papier geht allerdings nicht hervor, auf welche Daten sich der Spitzenverband bezieht in der Berechnung dieses pauschalen Kontingents. Uns ist keine Veröffentlichung bekannt, aus der hervorgeht, wieviele Stunden Psychotherapie ein Mensch im Lebensverlauf in Anspruch nimmt und bei welchen Krankheitsbildern nach wievielen Therapiestunden dauerhafte Heilung erreicht werden konnte. Versichertendaten könnten darüber wahrscheinlich schon deshalb keine Auskunft geben, weil eine solche komplexe Differenzierung unmöglich ist.

Die Vorschläge zur Erstkontaktaufnahme und zu der angedachten sechswöchigen Interimszeit lösen in Betroffenen- wie auch HelferInnen-Netzwerken Besorgnis aus. Die Suche nach erfahrenen PsychotherapeutInnen ist langwierig und kräftezehrend. Geeignete Therapieplätze sind rar, die Praxen qualifizierter BehandlerInnen hoffnungslos überlaufen, und die Suche nach Hilfe ist gerade für Menschen mit Traumafolgestörungen und daraus resultierenden, teils erheblichen Schwierigkeiten in der Aufnahme sozialer Kontakte ein großes Problem. Eine gegebenenfalls notwendige wiederholte Inanspruchnahme der vorgeschlagenen „Sprechstunde“ bedeutet für Versicherte mit einer belastenden Anamnese, eine Retraumatisierung zu riskieren, ohne die Aussicht auf einen Therapieplatz. Das erhöht die Hemmschwelle für zukünftige Kontaktaufnahmen wesentlich und kann zu einer Chronifizierung der Beschwerden mit Folgen für den Alltag, die Gesundheit, sowie der Berufs- bzw. Arbeitsfähigkeit der Betroffenen führen.

Die Möglichkeit, für eine Krisenintervention unkompliziert eine bis zwei Stunden psychotherapeutische Unterstützung über die Krankenkasse in Anspruch nehmen zu können, ist ein begrüßenswerter Vorschlag für Menschen, die Hilfe bei der Bewältigung eines isolierten Problems benötigen, allerdings wird mit dieser Regulierung die Praxis der PsychotherapeutInnen zum Verschiebebahnhof in die Psychiatrie. In der Arbeit mit Menschen, deren Vertrauen in Andere im Laufe ihres Lebens und besonders in der (frühen) Kindheit und Jugend stark erschüttert wurde oder die noch nie in ihrem Leben eine sichere Bindung erfahren haben, ist es nicht möglich in wenigen Stunden das Ausmaß des Bedarfs an Unterstützung zu erfassen und einen Behandlungsplan zu erstellen. Es ist unerläßlich für diese „PatientInnengruppe“, dass sie Zeit bekommen, eine Beziehung zu derTherapeutin/dem Therapeuten aufzubauen, um Vertrauen üben zu können und sich auf eine Bindung einzulassen. Jede (drohende) Unterbrechung der Therapie bedeutet hochgradigen emotionalen Stress und kann dazu führen, dass sich zwischenzeitlich Symptome behandlungsbedürftig verstärken, Somatisierungen zunehmen oder sogar eine kostenintensivere stationäre Behandlung wegen schwerer Krisen bis hin zu wiederkehrender akuter Suizidalität notwendig wird.

Die „Sprechstunde“, die einer ersten Orientierung und Weichenstellung in die Hilfesysteme hinein dienen soll, wäre sinnvoll, wenn eine Weitervermittlung in angemessene psychotherapeutische Versorgung möglich wäre. Es fehlt unserer Ansicht nach aber weniger die fachliche Einschätzung zur Orientierung, sondern eher die Infrastruktur. PsychotherapeutInnen können auch aus einer durch die GKV finanzierten Sprechstunde heraus KlientInnen meistens nicht in angemessene Behandlung vermitteln - an der Versorgungsmisere würde sich also nichts ändern.

Eine stabile und langfristig angelegte Psychotherapie kann jedoch wesentlich dazu beitragen, die Alltags- und Arbeitsfähigkeit zu erhalten, zu sichern bzw. überhaupt zu ermöglichen. Gerade Menschen mit komplexen und/oder chronifizierten Beschwerden und Belastungen aus Traumafolgen brauchen Zeit für die Behandlung, ohne Unterbrechungen und über das bisherige, für andere Diagnosen erdachte Richtlinienmaß hinaus, um kontinuierlich an der Selbstregulation, am Aufbau sozialer Beziehungen und der Bewältigung ihrer Belastungen arbeiten zu können.

Als Betroffenen-Initiative, gemeinnütziger Verein und als Bundesnetzwerk für angemessene Psychotherapie wollen wir uns weiterhin für eine Kommunikationsebene einsetzen, auf der ExpertInnen aller Bereiche, die mit von dem Versorgungsnotstand für komplex traumatisierte Menschen betroffen sind, gemeinsam überlegen, was wir brauchen und wie das realisiert werden kann. Wir sind überzeugt, dass ausschließlich durch ein Zusammenwirken sinnvolle, Kosten-Nutzen-optimierende Veränderungen erreicht werden.

Um den flächendeckenden Bedarf und eventuelle Mängel in der Versorgung darstellen zu können, werten wir derzeit eine Umfrage aus, an der sich mehr als 1300 Menschen aus unseren Netzwerken beteiligt haben. Bisherige Resultate aus dieser Studie stützen uns in unserer Argumentation und der Überzeugung, dass wir uns weiterhin an der Diskussion beteiligen müssen. Eine Veränderung der Psychotherapie-Richtlinie muss den Bedarf berücksichtigen, den Versicherte anmelden und den Angehörige, BeraterInnen, BehandlerInnen und Forschung bestätigen.

An der Notwendigkeit der Ergänzung der Richtlinie zweifelt niemand. Die Erarbeitung einer Begründung eines Antrags an den Gemeinsamen Bundesausschuss ist allerdings eine Herausforderung, der sich die Krankenkassen, die TherapeutInnen- und die Betroffenen- Verbände gemeinsam stellen sollten. Wir freuen uns über Vernetzung - und bieten dazu die Gelegenheit unter anderem im Rahmen einer sektorübergreifenden Fachtagung am 
5. September 2014 in Frankfurt am Main. Weitere Informationen finden Sie im Internet: www.blogzurtagung.wordpress.com.


Kontakt:
Initiative Phoenix - Bundesnetzwerk für angemessene Psychotherapie e.V.
c/o Johanna Sommer
Dürrenbergweg 2a
79297 Winden im Elztal

E-Mail: initiative-phoenix@gmx.de
www.initiative-phoenix.de

Stellungnahme.pdf

 

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