Phoenix aus der Asche                        Hilfreiches für Betroffene & HelferInnen                        Arbeitsgruppe                        Studie                        Danksagung

 
 
Unsere Studie



Einleitung


Inhaltsverzeichnis


Anliegen der Teilnehmenden


Auszüge der Gruppe "Verbündete"


Fazit


Nachlese
- TherapeutInnen ohne Kassenzulassung



als PDF verfügbar
- Kurzfassung der Studie
- Nachlese ambThoK

 

Nachlese - TherapeutInnen ohne Kassenzulassung



7. Psychotherapeutische Versorgung bei komplexen Traumafolgen durch ambulante TherapeutInnen ohne Kassenzulassung

7.1. Betroffenen-Erleben

Mehrheitlich sind sich die Betroffenen ohne Therapieplatz darin einig, dass Änderungen bei Wartezeiten und bei der Anzahl von Therapieplätzen nötig sind, sowie schnelle, unbürokratische Hilfe mit guter Vernetzung der Angebote. Desweiteren ist ihr Anliegen, dass es mehr themenspezifisch geschulte, qualifizierte und feinfühlige PsychotherapeutInnen geben sollte, die nicht zwangsläufig in den von den Krankenkassen festgelegten Therapieverfahren behandeln. 71,6% der Betroffenen mit Therapie-Erfahrung bewerteten die persönliche Interaktion und Verbindung als überwiegend oder sehr viel hilfreicher als ein bestimmtes therapeutisches Verfahren. Das deckt sich mit den Rückmeldungen von Angehörigen, die Betroffene durch Therapiezeiten begleiten.

Der tatsächliche Bedarf an Psychotherapie übersteigt bei Weitem den Umfang des Richtlinien-Rahmens. Die verfahrensgebundene Bewilligung von Stundenkontingenten scheint den Erfahrungen Betroffener mit den jeweiligen Therapie-Verfahren zu widersprechen. Obwohl mehr als die Hälfte der Betroffenen, die eine psychoanalytische Therapie durchliefen, dieses Verfahren als "eher weniger" oder "überhaupt nicht hilfreich" bewerteten und einige von erheblichen Verschlimmerungen der Symptomatiken und auch Retraumatisierungen während dieser Therapien berichteten, wird für dieses Verfahren auch bei Betroffenen, die Traumatherapie benötigen, mehr als dreimal soviel Therapie problemlos (und ohne Qualitätsüberprüfung) bewilligt als für alle anderen Verfahren.


7.2. TherapeutInnen

Von den 565 TherapeutInnen (für Erwachsene), die sich an unserer Umfrage beteiligt haben, hatten 19,9% keine Zulassung zur Abrechnung mit den gesetzlichen Krankenkassen. 50,4% davon haben mehr als zehn Jahre Erfahrung in ihrem Beruf, etwa jede/r Vierte (25,4%) mehr als fünf Jahre. Die meisten TherapeutInnen ohne Kassenzulassung sind HeilpraktikerInnen für Psychotherapie (42,2%), 25,3% sind Psychologische PsychotherapeutInnen, 12,1% PsychologInnen mit anderen psychotherapeutischen Weiterbildungen. 7,2% sind ärztliche PsychotherapeutInnen, 1,2% PädagogInnen, 10,8% haben einen anderen Beruf mit psychotherapeutischer Zusatzqualifikation.

Zusatzausbildungen für Traumatherapie haben 90,4% der ambulant mit Erwachsenen arbeitenden TherapeutInnen ohne Kassenzulassung erworben, 8,4% hatten das zum Zeitpunkt der Erhebung vor.


7.2.1. KlientInnenzahlen
Die TherapeutInnen wurden gefragt, wieviele Menschen mit (komplexen) Traumafolgestörungen sie zum Zeitpunkt der Erhebung behandelten. Diejenigen, die gerade eine Pause machten, aber wiederkommen würden, sollten mitgezählt werden. Etwa die Hälfte der TherapeutInnen für Erwachsene ohne Kassenzulassung (45,8%) gab an, momentan zwischen fünf und zehn Betroffene zu behandeln, etwa jede/r Fünfte (21,7%) mehr als zehn, der Rest behandelte gerade weniger als fünf.


7.2.2. Auslastung der TherapeutInnen
39,8% der TherapeutInnen ohne Kassenzulassung schätzten ihre Auslastung bezogen auf die Behandlung von Menschen mit Traumafolgestörungen als "genau richtig" ein, 3,6% als "dauerhaft zuviel", 8,4% als zeitweise oder dauerhaft zu wenig.
In der größten Gruppe, d.h. von den HeilpraktikerInnen sagten 43,9% "zeitweise zuviel" oder "dauerhaft zuviel", 12,2% fanden ihr Pensum "zeitweise oder dauerhaft zu wenig".

Zum Vergleich: 60,4% der kassenzugelassenen TherapeutInnen schätzten ihr Pensum als zeitweise oder dauerhaft zuviel ein, 2,7% als zeitweise oder dauerhaft zu wenig.


7.2.3. Ablehnungen aus Kapazitätsgründen
Auf die Frage, wieviele Menschen, die nach Traumatherapie fragen, sie pro Jahr wegen fehlender Kapazitäten ablehnen müssen, wurden 259 Antworten abgegeben. Ambulant arbeitende TherapeutInnen lehnen demnach zwischen keine und 300 "Trauma-PatientInnen" pro Jahr ab, weil sie (zu) ausgelastet sind. Im Durchschnitt ergibt das pro TherapeutIn eine Ablehnungszahl von 27,4 PatientInnen im Jahr.

Von den TherapeutInnen mit Kassenzulassung müssen 90% bis zu 50 Anfragen für Traumatherapie aus Kapazitätsgründen ablehnen, 3,9% bis zu 100 und 6,1% mehr als 100. Kapazitätsprobleme haben TherapeutInnen ohne Kassenzulassung dagegen eher nicht: 90,7% müssen maximal 20 Anfragen im Jahr ablehnen, weil sie ausgelastet sind.


7.2.4. Ablehnungen aus finanziellen Gründen wegen fehlender Kassenzulassung
32,4% der TherapeutInnen ohne Kassenzulassung müssen bis zu 50% der Anfragen für eine Behandlung von Menschen mit Traumafolgestörungen wegen fehlender Finanzierungsmöglichkeiten ablehnen, fast jede/r dritte TherapeutIn (32,5%) bis zu 70%, jede/r Fünfte (22,9%) mehr als 70%. Pro Jahr ergibt das bis zu 100 Ablehnungen wegen fehlender Kassenzulassung pro TherapeutIn, im Durchschnitt 24,4 Ablehnungen pro Jahr und TherapeutIn. In der dabei größten Gruppe der HeilpraktikerInnen muss jede/r Vierte TherapeutIn (25%) mehr als 70% der Anfragen ablehnen, jede/r Dritte bis zu 70%. 38,8% der HeilpraktikerInnen müssen jede zweite bis dritte Anfrage ablehnen.


7.3. Notlösungen zur Finanzierung von Therapie

7.3.1. "Tricks"
35% der ambulanten TherapeutInnen für Erwachsene ohne Kassenzulassung gaben an, schon ein- oder mehrmals gegenüber Krankenkasse und/oder GutachterInnen einen "Trick" angewendet zu haben, um eine Traumatherapie bzw. deren Fortführung gewährleisten zu können. Die Auswertung der Freitextantworten hat ergeben, dass die Antworten in Zahlen allerdings nicht realistisch sind, da viele TherapeutInnen z.B. die private Weiterfinanzierung durch KlientInnen, Finanzierung über andere Quellen, Widerspruchsverfahren oder eingeleitete OEG-Verfahren sowie Arbeit ohne Bezahlung oder andere, sich selbst schädigende Lösungen, als "Trick" einordneten - was mit der Fragestellung nicht gemeint war.


7.3.2. Arbeit gegen geringe oder ohne Bezahlung
93,3% der TherapeutInnen ohne Kassenzulassung hatten zum Zeitpunkt der Erhebung schon ein- oder mehrmals PatientInnen angeboten nach Ausschöpfung aller finanziellen Möglichkeiten die Therapie zu einem ermäßigten Stundensatz oder unentgeltlich fortzusetzen.
Das Angebot beinhaltete bei 43,1% meistens oder immer einen ermäßigten Stundensatz um bis zu 30%. 62,5% boten schon ein- oder mehrmals an, zu einem um mehr als die Hälfte reduzierten Stundensatz zu arbeiten. 33,3% haben sich schon ein- oder mehrmals auf Ratenzahlung oder Behandlung "auf Kredit" eingelassen. 50% der TherapeutInnen haben schon ein- oder mehrmals angeboten, auf Vergütung zu verzichten, damit die Therapie fortgesetzt werden konnte.

Die TherapeutInnen wurden gebeten einzuschätzen, wie viele Stunden im Jahr (z.B. in den letzten zwölf Monaten) sie gegen geringere oder ohne Bezahlung arbeiten. Das bezieht sich nur auf die Stunden für Therapiesitzungen - nicht mitgerechnet sind Zeiten für Büroarbeit sowie Telefonate und E-Mailkontakte mit den PatientInnen. Für um bis zu 30% reduzierte Stundensätze arbeiten etwa 75% der nicht kassenzugelassenen TherapeutInnen für Erwachsene bis zu 50 Stunden im Jahr, 12,5% mehr als 100 Stunden, 12,5% haben keinen Überblick darüber. Für um bis zu 50% reduzierte Gebühren arbeiten 50% bis zu 50 Stunden im Jahr, jede/r Fünfte bis zu 100 Stunden, jeder/jedem Zehnten fehlt darüber der Überblick. Für um mehr als die Häfte ermäßigte Stundensätze arbeiten 30% bis zu 50 Stunden im Jahr, 10%% mehr als 100 Stunden, 10% fehlt der Überblick. Ohne Bezahlung bieten 44,4% der ambulanten TherapeutInnen für Erwachsene ohne Kassenzulassung bis zu 50 Stunden im Jahr an, 11,1% mehr als 100 Stunden.


7.3.3. Auswirkungen von Notlösungen auf die BehandlerInnen
Ob diese Lösung für sie stimmig sei, verneinten 40% der nicht kassenzugelassenen TherapeutInnen. Sie würden sich darüber keine Gedanken machen, meinten 28,6%. Es sei ärgerlich, aber nötig, und sie würden sich damit abfinden, antworteten 62,5%. 55,5% fühlen sich teilweise bis sehr dazu verpflichtet, gegen geringe oder ohne Bezahlung zu arbeiten, damit Therapien fortgeführt werden können. 90% finden es empörend, dass so etwas nötig ist. 60% der TherapeutInnen sind dadurch selbst teilweise bis sehr finanziell belastet. 44,4% gaben an, dass es die therapeutische Beziehung zu den PatientInnen belastet.
70% der nicht kassenzugelassenen TherapeutInnen für Erwachsene sehen sich in Gefahr, über ihre Grenzen zu gehen, aber die KlientInnen nicht allein lassen zu wollen.


7.3.4. Auswirkungen von Notlösungen auf die KlientInnen
Die TherapeutInnen ohne Kassenzulassung berichteten zu 30%, dass KlientInnen sich schämten, auf Notlösungen angewiesen zu sein. Im weiteren Verlauf habe die getroffene Vereinbarung Auftrieb gegeben und dem Prozess gut getan, bejahten 45,5%. Dass KlientInnen sich zu Dank verpflichtet gefühlt hätten und es ihnen schwergefallen sei, einen ausgeglichenen Umgang damit zu finden, bemerkten 66,7%. Etwa jede/r dritte der nicht kassenzugelassenen TherapeutInnen gab an das Gefühl zu haben, dass bei manchen Betroffenen die Gedanken viel darum kreisten. 40% bemerkten, dass das Angebot Manche hemmte (zusätzlich) um Hilfe zu bitten. 70% gaben an, es setzte Betroffene unter Druck, besonders "gut" sein und Fortschritte zeigen zu müssen.


7.4. Unterbrechungen der Therapie wegen Finanzierungsnot

83,2% der nicht kassenzugelassenen TherapeutInnen für Erwachsene gaben an, dass es bei ihren PatientInnen vereinzelt, manchmal oder oft Unterbrechungen der Traumatherapie gegeben hätte oder aktuell gibt, die durch die Unmöglichkeit einer weiteren Finanzierung nötig werden.

Erzwungene Therapie-Unterbrechungen verunsichern KlientInnen in jeder Gruppe befragter TherapeutInnen (siehe hierzu Punkt 3.5.). Durch losen Kontakt zur/zum TherapeutIn bzw. mit der Unterstützung einer Beratungsstelle können sie manchmal die Zeit gut überbrücken. 66,5% der TherapeutInnen für Erwachsene (insgesamt) erleben, dass erzwungene Unterbrechungen die Betroffenen oft oder immer belasten und sie im therapeutischen Prozess behindern oder sogar zurückwerfen. 48,5% sagen, es destabilisiert PatientInnen manchmal erheblich bis hin zu akut bedrohlichen Zuständen, jede/r dritte TherapeutIn beobachtet das oft oder immer. Dass es das Vertrauen der Betroffenen in die therapeutische Beziehung beeinträchtigt, bemerken 35,9% manchmal, 20,2% oft oder immer. Dass private Beziehungen stärker belastet werden als sonst, gaben 94,2% an.

Fast alle der TherapeutInnen für Erwachsene insgesamt (96,7%) beobachten, dass sich während erzwungener Therapie-Unterbrechungen psychosomatische und somatische Symptome verstärken bzw. neue Symptome auftreten. 92,6% bestätigten, dass manchmal bis immer PatientInnen dadurch arbeitsunfähig wurden oder blieben. 90,5% gaben an, Betroffene würden durch die Unterbrechung erstmalig oder verstärkt medikamentöse Behandlung benötigen. 84,7% bestätigen eine Zunahme von selbstverletzendem Verhalten, eine Zunahme von Substanzmissbrauch oder Rückfälle 81%, eine Zunahme suizidaler Tendenzen 81,1%. Dass manchmal, oft oder immer eine stationäre Aufnahme durch die Therapie-Unterbrechung nötig wird, sagten 82,2% der TherapeutInnen für Erwachsene.


7.5. Einschätzungen ambulanter TherapeutInnen zum Therapiebedarf komplex traumatisierter erwachsener KlientInnen

Alle ambulanten BehandlerInnen für Erwachsene wurden gebeten pauschal einzuschätzen, wieviel Psychotherapie ohne Unterbrechung und ohne Verlängerungsantrag für die Behandlung komplexer Traumafolgestörungen vorgesehen sein sollten. Als Bedingung galt, dass sie dabei keine Rücksicht auf Kostenträger nehmen müssten und nur davon ausgehen, welcher mögliche Rahmen ihnen den bestmöglichen "Boden" für die Etablierung einer ausreichend tragfähigen therapeutischen Beziehung für die Arbeit mit einem komplex traumatisierten Menschen bereiten würde. Sie wurden gebeten zu überlegen, welche Stundenzahl sie ungefähr -verfahrensunabhängig- pauschal für angemessen halten würden. 23,1% kreuzten an, keinen Durchschnittswert angeben zu können, da das individuell zu verschieden sei. Therapiesitzungen ohne Zeitbegrenzung halten etwa 30-37% der TherapeutInnen für Erwachsene bei Bedarf vereinzelt für sinnvoll, über alle Zeiträume hinweg. Etwa jede/r dritte TherapeutIn antwortete, dass ihnen eine Einschätzung unmöglich sei. Am häufigsten (>90%) wird als Begründung genannt, dass die benötigte Stundenfrequenz und Therapiedauer individuell zu verschieden ist.


7.6. Vermeidbarkeit stationärer Behandlungen

Zwei Drittel aller an der Studie Beteiligten (Betroffene, Angehörige, TherapeutInnen, BeraterInnen, KlinikerInnen) glauben, dass stationäre Behandlungsbedürftigkeit und die Überlastung von Beratungsstellen vermieden werden könnte, wenn die ambulante Versorgung mit Psychotherapie dem Bedarf angepasst werden würde. 82,8% der KlinikerInnen gehen davon aus, dass ein stationärer Aufenthalt durch ein höheres Stundenkontingent für ambulante Traumatherapie manchmal bis meistens nicht nötig werden würde.




Quelle:
Johanna Sommer, Initiative Phoenix - Bundesnetzwerk für angemessene Psychotherapie e.V.
Psychotherapeutische Versorgungsrealität komplex traumatisierter Menschen in Deutschland, 2011-2012.



Phoenix aus der Asche                        Hilfreiches für Betroffene & HelferInnen                        Arbeitsgruppe                        Studie                        Danksagung