Phoenix aus der Asche                        Hilfreiches für Betroffene & HelferInnen                        Arbeitsgruppe                        Studie                        Danksagung

 
 
Unsere Studie



Einleitung


Inhaltsverzeichnis


Anliegen der Teilnehmenden


Auszüge der Gruppe "Verbündete"


Fazit


Nachlese
- TherapeutInnen ohne Kassenzulassung



als PDF verfügbar
- Kurzfassung der Studie
- Nachlese ambThoK

 

Fazit

 

Die Beteiligung an der Umfrage zur psychotherapeutischen Versorgungsrealität von Menschen mit sogenannten komplexen Traumafolgestörungen in Deutschland hat die Erwartungen der Initiative Phoenix weit übertroffen. Ziel war es, etwas über die Erfahrungen einzelner, unterschiedlich mit dem Thema Traumatherapie konfrontierter Menschen mit den praktischen Auswirkungen der pauschalen Psychotherapie-Richtlinien zu erfahren. Dazu wurden Fragen zu verschiedenen Aspekten gestellt und besonderes Gewicht auf Kommentarmöglichkeiten gelegt, damit der Komplexität des Themas aus verschiedenen Blickwinkeln möglichst viel Raum gegeben werden konnte. Das Interesse an der Teilnahme an der Umfrage war so groß, dass daraus eine Studie mit ernstzunehmender Aussagekraft wurde.

Die Auswertung der Fragebögen bestätigt die dringende Notwendigkeit der Ergänzung der Psychotherapie-Richtlinien um einen Behandlungsrahmen für Menschen mit komplexen Traumafolgestörungen. Das Empfinden der Versorgungsrealität einzelner Betroffener unterscheidet sich dabei nicht von den Erfahrungen der Menschen, von denen sie persönlich oder professionell, ambulant und stationär begleitet, unterstützt bzw. behandelt werden.

Außerdem bestätigen und verdeutlichen die Ergebnisse der Studie Handlungsbedarf in vielen Bereichen der Versorgung. Das betrifft die intra- und interdisziplinäre Vernetzung, die Anerkennung von Traumatherapie als eigenständige methodenübergreifende Behandlungsmethode, die Weiterbildung von GutachterInnen, BehandlerInnen und Fürsorge-Tragenden, sowie die Aufklärung über Traumafolgen bei Kostenträgern, Behörden und Gerichten.

Die fehlende Gewährleistung der Finanzierung ambulanter Psychotherapie ist ein Problem, das alle Beteiligten (mit)betrifft, zu erheblichen Versorgungsmängeln führt und zu unnötigen Folgekosten unmittelbar beiträgt. Betroffene, deren Angehörige und BehandlerInnen berichten über die vermeidbare Chronifizierung von Beschwerden, über vermeidbare Rückfälle, Stagnation und Symptomverlagerungen, über vermeidbare sekundäre Traumatisierungen und psychische Erkrankungen der Helfenden und BehandlerInnen. Das führt zu vermeidbaren medizinischen und stationären Behandlungen und zur dauerhaften Behinderung Betroffener an gesellschaftlicher Teilhabe.

Mehr als 80% der Betroffenen, die Rente wegen Erwerbsunfähigkeit beziehen, haben die mittlere Reife oder einen höheren Bildungsabschluss. Mehr als die Hälfte der zum Zeitpunkt der Erhebung arbeitsunfähigen Betroffenen hat die Schule mit Fachschulreife oder Abitur abgeschlossen, jede/r Dritte hat ein abgeschlossenes Studium im Lebenslauf.

Die meisten Menschen, die Therapie wegen komplexer Traumafolgestörungen suchen, haben "eigentlich" eine gute Prognose oder könnten eine gute Prognose haben, wenn sie rechtzeitig qualifizierte Hilfe bekämen, die individuell bedarfsgemäß angepasst würde, und wenn sie sich auf deren Gewährleistung langfristig verlassen könnten.

Es fehlt flächendeckend an niederschwelligen Hilfsangeboten, vor allem für Jungen und Männer.

Es fehlt an barrierefreien Praxen und an stationären Angeboten für pflegebedürftige Trauma-Betroffene.

Es fehlt an kurzfristig erreichbaren Zufluchtsstätten in Krisensituationen.

Es fehlt die Zulassung qualifizierter TherapeutInnen zu den Finanzierungsmöglichkeiten der Krankenkassen.

Es fehlt in den Psychotherapie-Richtlinien ein Behandlungsrahmen für Menschen mit (komplexen) Traumafolgestörungen.

Es fehlt eine intradisziplinäre Einigung auf ein integratives Traumatherapie-Konzept, das als eigenständiges Verfahren verstanden, gelehrt, angewendet und für dessen Finanzierung gesorgt werden kann.

Es fehlt an GutachterInnen, die sich mit Traumafolgen und Komorbiditäten sowie Behandlungsmöglichkeiten auskennen. Traumatisierungen und ihre Folgen müssen in Anträgen für Therapiestunden verschwiegen und Symptome abgeschwächt oder verzerrt dargestellt werden, weil die Wahrheit nicht ernstgenommen wird, zu einer Negierung des Behandlungsbedarfs führt oder dazu, dass Betroffene als "zu krank" aufgegeben werden.

Es fehlt an Aufklärung - in der Gesellschaft, in medizinischen, psychologischen und sozialen Ausbildungen, in Behörden, bei JuristInnen, bei der Polizei und auch bei Betroffen und ihren HelferInnen.

Es fehlt an Hilfsangeboten für Angehörige und andere privat und professionell Begleitende.

Es fehlt ein sinnvoller Umgang mit menschlichen, gesellschaftlichen und ökonomischen Ressourcen. Betroffene sind zu oft alleingelassen oder ausgeliefert, Angehörige und HelferInnen ebenso. Beratungsstellen und wichtige Begleitende sind finanziell meist komplett auf sich allein gestellt bzw. immer wieder existentiell bedroht.

BehandlerInnen aller "Richtungen" sind oft über ihre Grenzen belastet und ebenso alleingelassen, teilweise in gesundheitlichen und wirtschaftlichen Nöten. Manche bringen sich sogar persönlich, existentiell und strafrechtlich in Gefahr, weil sie sich hilflos in der Verantwortung fühlen, Lücken des Versorgungssystems auszugleichen. Dass weit mehr als die Hälfte der TherapeutInnen als "Tricks" zur Weiterfinanzierung der Therapien für schwer traumatisierte KlientInnen angaben, sich selbst auszubeuten, spricht für sich. Andere stumpfen ab und behandeln ihre KlientInnen ebenso oberflächlich wie die Richtlinien pauschal sind.

Es fehlt an Transparenz und Vernetzung, oft an Augenhöhe und zu oft an Respekt.

Es fehlt an Möglichkeiten und Unterstützung, sich gegen schädigende Therapien und misshandelnde TherapeutInnen zu wehren, sie sichtbar zu machen und Konsequenzen sowohl gegen die Betreffenden als auch für die Betroffenen zu erreichen.

Es fehlt an gut ausgebildeten Fachleuten in allen Bereichen der Versorgung, besonders in Akutpsychiatrien.

Da, wo Finanzierung sicher ist, wird die Qualität nicht überprüft. Da, wo sich engagiert um Qualität und Kontinuität bemüht wird, liegt die Erreichbarkeit für Menschen ohne Reserven oft außerhalb ihrer Möglichkeiten. Krankenkassen äußern gegenüber Betroffenen wie Behandelnden, dass sie die Finanzierung stationärer Behandlung nicht in Frage stellen - ohne Qualitätsprüfung und/oder ohne Handlungsbedürfnis bei mangelhafter oder schädigender Versorgung. Zu ambulanter Versorgung außerhalb der Richtlinien seien sie nicht verpflichtet. Es fehlt an juristischer Konsequenz.

Betroffene, die sich wehren, werden mit dem Verweis auf ihre Störungsbilder nicht ernst genommen oder als unkooperativ, therapieresistent oder "austherapiert" teilweise wiederholt abgewiesen.

Angehörige und andere Helfende werden zu oft übersehen.

BehandlerInnen, die sich engagieren, werden zu oft belächelt.

Absprachen und Vernetzung finden zu selten statt.

Andererseits belegen die Ergebnisse der Studie, wie wichtig, lebensrettend und heilungsfördernd bedarfsgerechte Hilfe, menschlicher Umgang, Respekt, authentische Bindungsangebote und Verläßlichkeit sein können. Betroffene mit guten therapeutischen Erfahrungen erleben sich stabilisiert, erreichen (Teil-)Arbeitsfähigkeit, gesellschaftliche Teilhabe, eine Verbesserung ihrer Lebens- und Gesundheitssituation und engagieren sich in sozialen Berufen, Organisationen und Ehrenämtern. Verbündete, Beratende und TherapeutInnen bestätigen das.

Die meisten Erfolge, die trotz der mangelhaften Rahmenbedingungen erzielt werden konnten, brauchten hartnäckigen Überlebenswillen, das überragende persönliche Engagement Einzelner und/oder glückliche Zufälle. Viele Betroffene, aber auch viele in der Folge erkrankte Angehörige und Helfende aller Bereiche fallen durch die Lücken im Versorgunsgsnetz und müssen auf lange Sicht sozialfürsorglich und medizinisch versorgt werden. Es bleibt zu prüfen, ob eine frühzeitig begonnene und kontinuierlich angemessen fortgesetzte Psychotherapie ebenso kostenintensiv für Versicherungen und Versorgungsämter wäre.

Für die Mehrzahl der HelferInnen und TherapeutInnen ist es zur Hauptaufgabe der Begleitung, Beratung und auch der Psychotherapie geworden, ihre KlientInnen innerhalb unsicherer Bedingungen immer wieder zu stabilisieren und teilweise notdürftig am Leben zu halten, weil für die eigentlich nötige Traumatherapie keine Zeit und kein Behandlungsrahmen vorgesehen ist. Das ist aus allen Richtungen betrachtet unbedingt veränderungsbedürftig.

Traumafolgen verschwinden nicht durch Verschweigen und Verdrängen, sondern verursachen nachwachsende körperliche, seelische und gesellschaftliche Krankheiten, die transgenerational expandieren. Es bleibt zu hoffen, dass sich die in der Initiative Phoenix begonnene Vernetzung aller betroffenen Menschen - ob KlientInnen, PatientInnen, Helfende, Angehörige, Beratende, Therapierende oder Kostenträger - ausweitet und zu einer dauerhaften und fruchtbaren Auseinandersetzung "in einem Boot" wächst.




Initiative Phoenix - Bundesnetzwerk für angemessene Psychotherapie e.V.
c/o Johanna Sommer
PF 2334
37013 Göttingen
Mail: initiative-phoenix@gmx.de
www.initiative-phoenix.de


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